Wahnverwandte einer Geisterwelt - Oskar Ansull mit Lesung „Zeit in Aktion"
Geschrieben von: Cellesche Zeitung   
Samstag, den 15. November 2008 um 00:00 Uhr

CELLE (ans). „Zeit in Aktion" hieß die Lesung, die Oskar Ansull auf Einladung des Forums gegen Gewalt und Rechtsextremismus in Celles Kunst & Bühne brachte. Nachdem Olaf Meyer von der Antifaschistischen Aktion Lüneburg/Uelzen aktuelle Informationen zum Rechtsextremismus im lokalen Bereich vorgetragen hatte, knüpfte der Berliner Autor, Herausgeber und Rezitator an mit Texten, die in ihrer Blindheit wie Scharfsichtigkeit, Euphorie wie Depression noch 90 Jahre nach Ende des 1. Weltkriegs bewegen.
In der Lesung, die im Rahmen einer Ausstellung anlässlich des 75. Jahrestages der Ermordung des Philosophen Theodor Lessing entstanden war, befragte Ansull literarisch die Zeit von 1911 bis 1920. Waren 1914 Kriegs- und Friedensgeister noch zu unterscheiden, merkten manche, die zu euphorisch auf die Schlachtfelder zogen, schnell ihren Irrtum oder erlebten ihn nicht mehr.
Jene, die sich kritisch äußerten mochten wenige sein. Doch es gab die oppositionelle Woge, für die Lessing 1930 das Bild vom „Surren einer Mücke gegen das Weltrad" fand. Kriegsgegnerisch und pazifistisch surrte auch die von Franz Pfemfert von 1911 bis 1932 herausgegebene Zeitschrift „Die Aktion" mit Texten zu Literatur, Kunst und Politik.
Ansull bot einen geistvollen, wie immer rechercheintensiven Überblick über die Wahnverwandten einer Geisterwelt. Dort war die Rede vom „kleinen gelben Köter Japan" (Richard Schaukai 1.914), hier von „Abschied" (Alfred Lichtenstein). Es war ein „Querschnitt durch das Gehirn eines Schwerkranken", des deutschen Volks. Ansull endete mit dem erschreckend vorausschauenden Leitartikel von Hardekopf „Aufforderung« zum Misstrauen" vom 10. März 1920. Fazit: Gefesselt bleiben die Deutschen nicht lang. Der Artikel wurde seit dem nicht wieder gedruckt.