Seit Jahrzehnten besteht mit dem Hof von Joachim Nahtz in Eschede (Niedersachsen) ein Treffpunkt für Neonazis mit überregionaler Bedeutung. An keinem anderen Ort in Norddeutschland finden so häufig und regelmäßig größere Naziveranstaltungen statt. Dies meist ungestört und geschützt durch die Polizei.
Dabei haben die Sonnenwendfeiern im Juni und Dezember besondere Bedeutung bei einer Zelebrierung nationalsozialistischer Ideologie.
Am 20. Juni 2009 wollen Neonazis in Eschede erneut eine "Sommersonnwendfeier" durchführen.
Der Hof von Joachim Nahtz in Eschede entwickelte sich zu einem der wichtigsten Treffpunkte der norddeutschen Neonaziszene. Zum einen bietet der Schutz des Privatgeländes von Nahtz einen optimalen Rahmen für diese Treffen. Zum anderen zeigt sich aber auch die zunehmende Bedeutung der "Kameradschaft 73 Celle", die die meisten Veranstaltungen dort organisiert, in der norddeutschen Neonazistruktur.
Die "Kameradschaft 73 Celle" ist eine der größeren neofaschistischen Kameradschaften in Niedersachsen. Sie ist Teil des Verbundes "Nationale Sozialisten Niedersachsen", dem zurzeit wichtigsten Netzwerk gewaltbereiter und offen nationalsozialistisch auftretenden Kameradschaftsgruppen in Niedersachsen. Enge Verbindungen unterhält sie auch zur NPD, deren Aktivitäten die Kameradschaft in der Region übernimmt. So traten die beiden Kameradschaftsanführer Dennis Bührig und Klaus Hellmund als Direktkandidaten für die NPD zur letzten Landtagswahl an.
Wichtigste Figur der "Kameradschaft 73" ist Dennis Bührig, der nicht nur deren Anführer darstellt, sondern auch zur Führungsriege der niedersächsischen Neonaziszene zählt. Bührig ist seit Mitte der 1990er Jahre in neonazistischen Kreisen aktiv.
Am Rande eines Naziaufmarsches am 1. Mai 2008 in Hamburg beteiligte sich Bührig an Übergriffen auf Journalisten. Außerdem wollte Bührig als Anmelder des diesjährigen Naziaufmarsches am 1. Mai in Hannover auftreten. Dieser Aufmarsch wurde aufgrund einer positiven Bezugnahme auf den Nationalsozialismus im Aufruf und wegen zu erwartender Gewalttätigkeiten seitens der Neonazis verboten.
Die auf dem Hof von Joachim Nahtz in Eschede stattfindenden sog. "Brauchtumsfeste", wie Sonnenwend- oder Erntedankfeiern, dienen der Neonaziszene als Treffpunkt und Koordinierungsmöglichkeit. Die völkisch-germanischen Feste sind ideologiebildend und identitätsstiftend und dienen darüber hinaus auch dem Ausleben einer neofaschistischen Ideologie. Außerdem soll der Nachwuchs in die extrem rechten Strukturen eingebunden werden, wobei schon Kinder auf solche Veranstaltungen mitgenommen werden.
Braunes Treiben bei Nazi Nahtz:
Der 1935 in Pommern geborene Landwirt Joachim Nahtz lebt mit seiner Familie auf einem abgelegenen, heruntergekommen Hof zwischen Eschede und Hermannsburg. Schon als 17jähriger trat er der "Deutschen Reichspartei" bei, wechselte dann zur NPD, später zu den "Republikanern", um 2005 wieder der NPD beizutreten. Das langjährige NPD-Mitglied kandidierte 2005 zur Bundestagswahl und 2008 zur Niedersächsischen Landtagswahl für die NPD. Schon sein Vater war in der NPD aktiv.
Nahtz bietet seit Jahren zahlreichen Neonazi-Gruppierungen Platz auf seinem Anwesen für ihre Veranstaltungen. So fanden dort Wehrsportlager statt, wie z.B. 1992 von der später verbotenen "Nationalen Liste" aus Hamburg. Bei einer Hausdurchsuchung wurden bei Nahtz Waffen, SS-Liedgut und eine Reichskriegsflagge sichergestellt. Weiterhin fand dort im Dezember 2000 eine Wintersonnwendfeier der "Jungen Nationaldemokraten" statt, die von der Polizei aufgelöst wurde. Im Juni 2000 hatte bereits ein "Sommerfest mit Sonnenwende" der niedersächsischen NPD dort stattfinden können.
Seit 2007 fanden mehrere größere Naziveranstaltungen auf dem Hof Nahtz statt:
25. bis 28. Mai 2007:
Pfingstlager der neonazistischen "Heimattreuen Deutschen Jugend". Ungefähr 150 TeilnehmerInnen, vor allem Kinder und Jugendliche.
23. Juni 2007:
Sommersonnwendfeier mit knapp 200 BesucherInnen.
29. Oktober 2007:
Rund 76 Neonazis nahmen an einer "Erntedankfeier" teil.
22. Dezember 2007:
Wintersonnwendfeier mit rund 160 TeilnehmerInnen.
20. Juni 2008:
RechtsRock-Konzert mit 250 BesucherInnen. Es traten mehrere Bands auf.
21. Juni 2008:
Sommersonnwendfeier mit ca. 170 BesucherInnen.
27. September 2008:
Rund 100 Neonazis begehen eine Erntedankfeier, darunter wieder mehrere Kinder.
20. Dezember 2008:
Wintersonnwendfeier mit rund 170 teilnehmenden Neonazis.
21. Februar 2009:
Auf dem Hof findet ein Treffen der Nachwuchsorganisation der NPD, "Junge Nationaldemokraten" statt. 30 Personen nahmen an dieser Zusammenkunft teil, die der Neuorganisation der JN in Niedersachsen diente.
18. April 2009:
Rund 70 Neonazis kommen zu einer "Solidaritätsfeier" zusammen, auf der Geld für den später verbotenen Naziaufmarsch am 1. Mai in Hannover gesammelt wurde.
Waffen in der Heide:
Nach der letzten Sonnwendfeier auf dem Hof Nahtz, kam es zu mehreren Hausdurchsuchungen bei Neonazis im Landkreis Celle. Dabei stellte die Polizei mehrere Waffen sicher. Bei Nahtz selbst wurde am 18. März 2009 ein Karabiner gefunden. Weitere Waffen fand die Polizei bei mehreren Durchsuchungen, die sich gegen eine Wehrsportgruppe aus der Region Winsen/Aller und Wietze richteten. Bei Razzien im Dezember 2008 wurden u.a. ein G3-Sturmgewehr und ein Kleinkalibergewehr gefunden. Im März wurden bei weiteren Razzien gegen die Gruppe neonazistisches Propagandamaterial, Softairwaffen, mehrere Schreckschusspistolen, ein Luftgewehr, Messer, Schwarzpulver und Dekowaffen beschlagnahmt. Kopf der Neonazigruppe, die sich "Division 88", ist ein 28-jähriger ehemaliger Bundeswehrsoldat. Angehörige dieser Gruppe nahmen auch an Veranstaltungen in Eschede teil.
Gegen das Vergessen!
Am 10. August 1999 wurde der Escheder Peter Deutschmann von den beiden Escheder Nazi-Skinheads Marco Siedbürger und Johannes Markus K. getötet. Die beiden Nazis wurden zu fünfjährigen Haftstrafen verurteilt. Marco Siedbürger schloss sich nach seiner Haftentlassung der Schaumburger Naziszene an und verbüßt zurzeit wieder eine Haftstrafe. Immer wieder nahm er an Veranstaltungen auf dem Hof Nahtz teil.
Der Mord an Peter Deutschmann und andere neofaschistische Morde und Gewalttaten sind die Konsequenz einer faschistischen Ideologie, die auch während der Veranstaltungen auf dem Hof von Joachim Nahtz propagiert wird.
Das Schweigen beenden!
Bislang konnten sich die Neonazis relativ ungestört in Eschede treffen. Nur gelegentlich beobachteten Journalist_innen das Treiben und die Polizei überwachte die Veranstaltungen. Erst im Jahr 2007 kam es zu ersten Protesten gegen die Naziveranstaltungen. Am 23. Juni 2007 veranstaltete ein "Bürgerschaftliches Bündnis gegen Rechts" ein Johannisfeuer, die christliche Antwort auf das heidnische Sonnenwendfeuer. Am 22. Dezember 2007 protestierten dann noch einige wenige Menschen - am Zufahrtsweg zum Hof Nahtz - gegen die stattfindende Wintersonnwendfeier. Außer einigen Erklärungen seitens der offiziellen Politik in Eschede, wurden die Treffen auf dem Hof Nahtz jahrelang stillschweigend hingenommen.
Am 21. Juni 2008 und 20. Dezember 2008 demonstrierten dann jeweils rund 300 Menschen gegen die Nazitreffen in Eschede. Mit den beiden antifaschistischen Demonstrationen wurde zum ersten Mal lauter und deutlicher der Protest gegen die Nazis artikuliert.
---Kundgebung gegen das Nazitreffen---
Samstag, 20. Juni 2009
16 Uhr
Bahnhofstr./Ecke Am Glockenkolk
Eschede
Zur Kundgebung laden der DGB und das Celler Forum gegen Gewalt und Rechtsextremismus ein. Im Anschluss soll es zum Ortsausgang Uelzener Straße gehen, wo eine Kranzniederlegung in Gedenken an Peter Deutschmann stattfinden soll.
Aufruf des DGB:
http://antifa-lg.de/docs/090620-b.pdf Gegen 18 Uhr findet dann noch eine Andacht mit Johannisfeuer statt. Veranstalterinnen sind die örtliche Kirche und der "Arbeitskreis gegen Extremismus".
Nach den antifaschistischen Demonstrationen im letzten Jahr wurden Stimmen laut, dass die Demos keine "angemessene Form des Protestes" seien und sich die Escheder Bürgerinnen und Bürger nicht daran beteiligen würden, weil die Demos von "der Antifa" organisiert wurden. Aus diesem Grund haben die Antifaschistische Aktion Celle und Antifaschistische Aktion Lüneburg/Uelzen diesmal keine Demo in Eschede angemeldet, um so den Raum für andere Aktionsformen zu öffnen.
Das Problem mit den Nazitreffen in Eschede könnte mensch damit lösen, das der Hof von Joachim Nahtz abgerissen wird, das Gelände umgepflügt und dort dann Bäume gepflanzt werden. Dies scheint zurzeit noch nicht als sehr realistisch, sollte aber als eine Option im Gedächtnis verbleiben. Solange das antifaschistische Abrissunternehmen noch nicht bestellt werden kann, geht es darum, eine langfristige Perspektive zu entwickeln und die verschiedenen Initiativen zusammenführen und langfristig einen gemeinsamen Konsens zu schaffen, der zumindest das Ziel formuliert, die Nazitreffen nicht unbeantwortet zu lassen und nicht die Augen vor den Naziaktivitäten in Eschede und im Landkreis Celle zu verschließen.
Für die anstehende "Wintersonnwendfeier" am 19. Dezember 2009 behalten sich antifaschistische Gruppen vor, wieder mit einer antifaschistischen Demonstration in Eschede auf die Straße zu gehen.
Nazitreffen entgegentreten!
Nie wieder Volksgemeinschaft!